• Frank Bieser

Agile Transformation war gestern

Heute sprechen wir lieber von kontinuierlicher Innovation. Und dafür gibt es Gründe.

Der Begriff "Agile Transformation" birgt zwei Probleme:

  1. Der Irrglaube, dass Agilität von seltsamen Geeks in irgendeiner unsteuerbaren IT-Abteilung erfunden wurde, hält sich hartnäckig seit mittlerweile fast 20 Jahren.

  2. Die Bezeichnung Transformation ist mathematisch-technisch konnotiert; im Zusammenhang mit der Weiterentwicklung menschlicher Fähigkeiten erscheint das Konzept wenig passend. 

Zweifellos ist in der Überschrift des ursprünglichen agilen Manifests ("Manifesto for Agile Software Development") die Rede von Softwareentwicklung. Kent Beck, einer der Unterzeichner, hat jedoch bereits im Jahr 2011 eine revidierte Version des Manifests vorgelegt, in der er Begriffe wie Team, Lernen und Kunden einführt sowie eine aktive Rolle bei Veränderungsprozessen einfordert:

  • Team vision and discipline over individuals and interactions (over processes and tools)

  • Validated learning over working software (over comprehensive documentation)

  • Customer discovery over customer collaboration (over contract negotiation)

  • Initiating change over responding to change (over following a plan)

Ich habe ja schon beschrieben, dass diese Konzepte eindeutig besser geeignet sind, den Lebenszyklus eines Geschäftsmodells abzubilden. Die Innovation in Unternehmen muss kontinuierlich erfolgen, und es gibt dafür verschiedene Methoden und Werkzeuge. Das Ziel ist nämlich kein Geringeres als das Überleben des Unternehmens sicherzustellen - und nicht, eine agile Transformation durchzuführen.

Mein persönlicher Favorit in Herrn Becks Liste ist der Punkt validated learning. Ich erkläre Ihnen gerne, warum.


Funktionierende Software, die nie eingesetzt wird, ist wertlos. Die -zig Millionen Programmzeilen, die deaktiviert, gelöscht, auskommentiert oder sonstwie an der Ausführung nicht beteiligt sind, schaffen keinen Geschäftsnutzen. Sie verbessern keinen organisatorischen Ablauf. Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter: Sämtliche Features einer Applikation, die dauerhaft nicht genutzt werden, sind wertlos. Und das ist noch höflich formuliert, denn genau genommen wird für die Herstellung unbrauchbarer Features Geld ausgegeben. Ihr Wert für das Unternehmen ist also negativ.


Es gibt aber Alternativen zu wertlosen Features - und genau die sind gemeint, wenn es um validated learning geht: Experimente machen, Technologiestudien durchführen, Kundenmeinungen einholen -also alles, was die Informationsmenge vergrößert- ist aus meiner Sicht wertvoll. Und zwar auch dann, wenn die Funktionen später nicht weiterentwickelt oder sogar entfernt werden. Dann nämlich erfolgt eine faktenbasierte Entscheidung unter Einbeziehung des Marktes (oder allgemeiner: der User).


Validated learning ist gar nicht so schwer. In unseren #Shiftup Workshops sind beispielsweise Lean Experiments fester Bestandteil, weil man daran schön üben kann, wie man in der kürzestmöglichen Zeit ein Maximum an Erkenntnissen gewinnt. Wir nutzen dafür Ansätze, die in der Mathematik Beweis durch Widerspruch genannt werden: "Wir sind krachend gescheitert, wenn weniger als 40% der User das neue Feature am ersten Tag ausprobieren". Das ist doch ein knackiges Experiment, oder?


Hier kommt das Kleingedruckte: Ohne brauchbare Thesen, einfache Möglichkeiten zur Messung und die Härte, wenig versprechende Produkteigenschaften auch konsequent zu beenden können Sie ihren Product-Market-Fit auch würfeln. Das geht schneller und ist billiger.


Und die gute Nachricht: validated learning ist ein wesentliches Element kontinuierlicher Innovation.

Zum Schluss dieses Beitrags wird es noch einmal richtig spannend: Der Duden listet als erstes Synonym für Transformation den Begriff "Assimilation" auf. In der Psychologie versteht man darunter die "Angleichung neuer Wahrnehmungsinhalte und Vorstellungen an bereits vorhandene" [Quelle]. Also ungefähr das Gegenteil von dem, was mit der agilen Transformation erreicht werden soll. Niemand möchte gerne assimiliert werden, und Menschen lassen sich nur mit brutaler mechanischer Einwirkung transformieren (wobei das Ergebnis meistens nicht sehenswert ist). Ich kenne keine professionelle Situation, in der diese Vorstellung Begeisterung auslöst oder die Mitarbeiterzufriedenheit steigert.

In der Lernpsychologie gibt es noch den Begriff der Akkomodation, der die Integration von Unbekanntem in unser eigenes kognitives Schema beschreibt. Ein Beispiel: Ein kleines Kind erkennt ein Auto auch dann, wenn es eine andere Farbe oder eine andere Karosserieform als das Familiengefährt hat (selbst dann, wenn es nicht wörtlich "brumm-brumm" macht). Mir persönlich erscheint das eingängiger im Kontext der persönlichen und organisationalen Weiterentwicklung: Neues annehmen können, Gelerntes ausbauen und nicht im Widerstand verharren. Jean Piaget nennt das Paradigmenwechsel.

Hier also meine Empfehlung: Hören Sie auf mit agilen Transformationen. Stellen Sie stattdessen Ihr Unternehmen so auf, dass es dank kontinuierlicher Innovation überlebt.

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