• Frank Bieser

Das unendliche Spiel und der Innovation Vortex

Aktualisiert: März 1

In diesem Artikel stelle ich eine Verbindung zwischen dem her, was Simon Sinek “das unendliche Spiel” nennt, und dem Innovation Vortex von Jurgen Appelo, den wir in der #Shiftup Community als ein zentrales Konzept kontinuierlicher Innovation verwenden.

Die endliche Einstellung

Sinek beschreibt in seinem Buch “Das unendliche Spiel” zwei unterschiedliche Mentalitäten: Die eine nennt er endlich, die andere unendlich.

Grundlage dieser Unterscheidung ist die Beobachtung, dass es Spiele mit bekannten Teilnehmern, definierten Regeln und einer vorgegebenen Zeit gibt [vgl. James P. Carse, “Finite and Infinite Games”, 1986]. Ziel bei endlichen Spielen ist zu gewinnen.


Unabhängige Schiedsrichter stellen sicher, dass nach den Regeln gespielt wird. Am Ende der Spielzeit steht fest, welche Spieler gewonnen haben. Brettspiele fallen ebenso in diese Kategorie wie Laufwettbewerbe oder die meisten Mannschaftssportarten. Diese Art von Spielen haben für viele Menschen einen hohen Unterhaltungswert, einige davon sogar Suchtpotential.


Unternehmen und die darin agierenden Führungskräfte, die mit einer endlichen Einstellung ihren Geschäften nachgehen, verfolgen oft ein Ziel - nämlich den Sieg: Sieg über die Mitbewerber, Sieg über die Verhandlungspartner oder Ähnliches. Dazu definieren sie für einen willkürlichen Zeitraum willkürliche Kennzahlen, die ihnen erlauben, das Erreichte eindeutig als Sieg zu definieren.


Einige Beispiele:

  • die meisten verkauften Tablets im 4. Quartal

  • der höchste Auftragseingang seit 2 Jahren

  • mehr neue Abonnenten als der Marktbegleiter im Vormonat


Diese Kombinationen aus Kennzahlen und Zeiträumen bergen zwei Arten von Fallen:

  1. Die gleiche Kennzahl kann in einem anderen Zeitraum betrachtet ganz anders aussehen.

  2. Im gleichen Zeitraum gibt es andere Kennzahlen, die unterschiedliche Schlüsse als “Sieg” zulassen könnten.


Steve Ballmer war von Januar 2000 bis Februar 2014 CEO von Microsoft. Er wird von vielen Leuten als Gewinnertyp gesehen und wusste bei seinem Abschied etliche Erfolgsgeschichten zu berichten. Der Aktienkurs des Unternehmens, an dessen Spitze Herr Ballmer stand, hat sich in dieser Zeit wie folgt dargestellt:

Je nach Gesinnung könnte man von einer überwiegend horizontalen Entwicklung sprechen oder sogar darauf hinweisen, dass der Kurs am Ende von Ballmers Amtszeit niedriger war als vor seinem Einstieg. Tatsache ist auch, dass im Februar 2020 der Aktienkurs bei über USD 188 lag und damit ein vorläufiges Allzeithoch in der Unternehmensgeschichte markiert hat.


Simon Sinek erwähnt, dass es zu Ballmers Zeit im Management von Microsoft anscheinend darum ging, “besser” zu sein als Apple. In irgendeiner Hinsicht ist das wahrscheinlich gelungen, aber genau da liegt das Problem: Führungskräften mit einer endlichen Einstellung fehlt oft der Weitblick, der jahrzehntelanges Überleben am Markt gewährleistet.


Persönlich halte ich es für geradezu absurd anzunehmen, dass der Unternehmenszweck (“Grund der Existenz”) im Erreichen einer bestimmten Kennzahl zu einem festgelegten Zeitpunkt liegt. Ich behaupte sogar, dass eine solche Quartals-KPI-Fixierung die Innovationskraft des Unternehmens mindert. Warum? Wo alle Mitarbeiter*innen ständig Gefahr laufen, dass sie aufgrund der Nichterreichung einer willkürlichen Metrik in existentielle Not geraten, wächst kein Vertrauen. Der Teamgeist wird perforiert, Fehler werden unter den Teppich gekehrt. Das Anheuern neuer Talente wird schwieriger. Alles zusammen also kein guter Rahmen für Experimente, Feedback, Mut und andere Zutaten für Innovation.


Aber betrachten wir doch einmal die Alternative.

Das unendliche Spiel

Simon Sinek vertritt die These, dass wir ebensogut in einer anderen Realität leben könnten. In seiner Vision stellen herausragende Führungskräfte ihre Organisationen für Generationen auf - also für Zeithorizonte, die weit länger andauern als ihre eigene Schaffensperiode.

Wie Carse beschreibt er das unendliche Spiel (von dem es nur eines gibt!) so, dass im Laufe der Zeit die Spieler ebenso wechseln wie die Regeln. Ziel beim unendlichen Spiel ist es im Spiel zu bleiben.


Niemand weiß präzise, in welchem Zustand sich das Gesamtsystem des unendlichen Spiels befindet. Daher prägt der jeweilige Kontext die Akteure und das Reglement.

Und dafür muss man Anpassungsfähigkeit entwickeln; Widerstandsfähigkeit ist hier wichtiger als Stabilität. Wer sich auf diese lange Wanderschaft einlässt, so Sinek, kann trotz der Unwägbarkeiten unterwegs letztlich Erfüllung finden.


Und genau hier setzen die Konzepte von #Shiftup an. Die aus meiner Sicht eingängigste Illustration ist der Innovation Vortex, den ich Ihnen an dieser Stelle vorstellen möchte.


Der von Jurgen Appelo entwickelte Innovation Vortex passt aufgrund seiner Geometrie gut zu dem Denkmuster des unendlichen Spiels - kein Anfang, keine Linearität, kein Ende. Wie ein Strudel, ein Wirbel oder eine Galaxie symbolisiert der Innovation Vortex ein rotierendes Gebilde, in dem unterschiedliche Kräfte wirken. Einige Bestandteile werden weggeschleudert, während andere ins Zentrum streben, tiefer eindringen und an Geschwindigkeit zunehmen.


Alle Phasen sind gleich wichtig und gleich gültig. Und doch gibt es Zusammenhänge sowie eine logische Reihenfolge, deren Einhaltung sich im unendlichen Spiel günstig auswirkt.

Wir gehen bei #Shiftup davon aus, dass die Ermittlung des Kontexts der zentrale Startpunkt ist, weil zum Beispiel Kund*innen und Nutzer*innen nicht beliebig sind, sondern durch die Produkte einen Nutzen genießen sollen. Es ist unwahrscheinlich, dass ein Produkt unabhängig von Marktsituation und Funktionalität für alle Personengruppen und jederzeit gleich nützlich ist. Context is king!


Ein weiteres Attribut der Visualisierung sind die Farben, die nach innen hin kräftiger werden. Diese optische Metapher soll andeuten, dass mit zunehmender Spieldauer mehr Klarheit entsteht. Was früher (am äußeren Rand) noch Ideen, Experimente und Konzepte waren, wird durch die zyklische Bearbeitung verbessert und präzisiert - wir sprechen bei #Shiftup vom Business-Market-Fit.


Im unendlichen Spiel werden laufend die Aktionen der anderen Spieler in der Umgebung beachtet. Hierbei ist aktuelles, jüngeres Wissen meist wichtiger als historische Erkenntnisse: Wo eine gegnerische Figur vor 73 Zügen stand ist nicht so relevant wie der momentane Spielzustand; der anhaltende Trend ist dem einmaligen Extremereignis überlegen. Der Innovation Vortex verwendet daher für weiter zurückliegende Entscheidungen blassere Farben.


“In einem unendlichen Spiel setzen sich die Mitspieler dafür ein, dass das Spiel auch für andere weitergeht.” (Simon Sinek)

Aus dieser Mentalität heraus entwickeln sich langlebige Beziehungen sowohl für die Mitarbeiter*innen als auch für die Nutznießer*innen. Das Personal sucht Lösungen, die dem Bestand des Unternehmens zuträglich sind. Loyale Kund*innen nehmen für den Erwerb der Produkte sogar Umwege oder höhere Preise in Kauf.

Bei #Shiftup gehen wir davon aus, dass diverse Geschäftsmodelle in einem Unternehmen zeitgleich in unterschiedlichen Reifegraden koexistieren. Es gibt für jede Phase geeignete Methoden und Kennzahlen - aber keine Methode und keine Kennzahl überdauert den gesamten Lebenszyklus eines Geschäftsmodells. Genau wie beim unendlichen Spiel müssen Unternehmen in guten Zeiten Vorkehrungen treffen, um auch bei geänderten Rahmenbedingungen bestehen zu können. Unternehmen, die sich auf das unendliche Spiel einlassen, brauchen das Ende eines Geschäftsmodells nicht zu fürchten.


Mehr über Innovation Vortex erfahren Sie in einem #Shiftup Workshop.

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