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Disco in der Organisation

Es soll ja vorkommen, dass in einer Organisation nicht alle am gleichen Strang ziehen. Was das mit einer Disco zu tun hat und wie Sie das ändern können, erfahren Sie in diesem Beitrag.

Ende der 1980er Jahre habe ich einen defekten Bildplattenspieler gekauft. Diese Geräte dienten zum Abspielen sogenannter Laserdiscs, die hinsichtlich Bild- und Tonqualität für eine kurze Zeit das Nonplusultra darstellten.

Mein Interesse galt der eingebauten Laserröhre, mit der ich mittels einer selbstgebauten Schaltung, zwei hochreflektierenden Spiegeln und etwas Software meine eigene Lasershow machen wollte. Den eigentlichen Wow-Effekt erzielte ich aber nicht mit irgendwelchen geometrischen Mustern, die mit roten Laserlinien an Wände projiziert wurden - sondern erst mit einer Discokugel. Die Discokugel war eine Kugel aus Styropor mit etwa 60 Zentimetern Durchmesser, auf deren Oberfläche hunderte kleine Spiegel geklebt waren. Sie wurde von einem Motor langsam gedreht, und wenn man einen bewegten Laserstrahl darauf lenkte, füllte sich der ganze Raum mit Laserstrahlen, die kreuz und quer in alle Richtungen leuchteten und tausende tanzende Punkte an die Wände schickten.

Vor kurzem wurde ich an dieses Bild erinnert. Ich lernte ein Unternehmen kennen, dessen Chef mir seine Beobachtungen in folgendem Satz zusammenfasste:

“Bei uns ist jeder mit irgendetwas beschäftigt, aber ich glaube nicht, dass alle meiner Vision folgen.”

Ich fand diese Einsicht für sich schon bemerkenswert, aber dass er sie mit mir teilte, war schon ein besonderer Vertrauensbeweis. Nach einigen offenen Gesprächen, an denen unterschiedliche Personen aus verschiedenen Ebenen der Firma teilnahmen, entstand vor meinem geistigen Auge das Bild mit der Discokugel und den Laserstrahlen.

Unausgerichtet


Ich lud den Chef zu einem Gedankenexperiment ein. Er sollte sich die MitarbeiterInnen als eine Kreuzung aus Einhörnern und Jedi-Rittern vorstellen: Jede(r) trägt ein Laserschwert auf der Stirn, das immer die Blickrichtung anzeigt. Dann fotografiert man die Firma mit einer Langzeitbelichtung. Das Ergebnis ist ein Bild, auf dem man die Ausrichtung der Firma sehen kann.

In den Worten des Chefs wäre auf der Fotografie “das Chaos in seiner ganzen Tragweite” zu sehen. Alle schauen irgendwohin.

Als systemischer Coach bezeichne ich das nicht als Chaos, sondern als eine Organisation, in der die Ausrichtung fehlt. Aber was ist Ausrichtung, und wie entsteht sie?

Von der Utopie zur Vision

Unter Ausrichtung versteht man, dass alle Menschen in der Organisation die gleiche Haltung haben in Bezug auf das Geschäft, die Zusammenarbeit, die Kunden, die Wichtigkeit einzelner Aspekte etc. Sie können sich die Ausrichtung im Unternehmen vorstellen als Feldlinien, an denen sich die Handlungen wie von selbst orientieren - auf eine natürliche, leichtgängige Weise.

Damit sich eine solche Ausrichtung einstellt, sind einige Schritte zu tun:

  1. Erstellen einer Vision

  2. Ausrichten der Leistungsträger

  3. Ausrichten der Führungskräfte

  4. Ausrichten aller Mitarbeiter

  5. Ausrichten der Kunden und Lieferanten

Ich verwende hier für Vision die gängige Definition “ein Bild von der Zukunft, das von unserem Verstand als machbar eingestuft wird”. Im Gegensatz dazu stuft unser Verstand eine Utopie als ein nicht erreichbares Bild von der Zukunft ein.

Eine inspirierende Vision beschäftigt sich mit mehr als der eigenen Firma. Sie beinhaltet zum Beispiel Elemente wie

  • Erfolg

  • Zukunft

  • Produkte

  • Mitarbeiter

  • Kunden und Lieferanten

Und das Wichtigste: Sie muss ein Herz haben. Dieses Herz steht für die Liebe, die -je nach Situation- die Eigentümer, die Gründer oder die obersten Führungskräfte einbringen. Meine These hierzu ist sehr einfach: Wenn diese Personen die Vision nicht lieben, wird sie sich nicht manifestieren.

Sobald die Vision mit Leben und Liebe gefüllt ist, können Sie Werte und Prinzipien ableiten. Werte beschreiben wie wir im Unternehmen behandelt werden und andere behandeln wollen. Prinzipien legen fest, wie wir in Situationen handeln.

Vision, Werte und Prinzipien werden dann den Leistungsträgern im Unternehmen nahegebracht. Natürlich ist Charisma hierbei hilfreich, aber wichtiger ist Authentizität: Die Leistungsträger enttarnen unaufrichtige, vorgeschobene, unechte Visionen sofort. Wenn sie jedoch überzeugt sind, dass die Vision ein erstrebenswertes Zukunftsbild der Firma beschreibt, passiert Folgendes: Die Leistungsträger orientieren ihre Handlungen an der Vision. Sie richten sich aus. Die Firma beginnt sich im laufenden Geschäft zu drehen. Die ersten Laser-Einhörner beginnen in die gleiche Richtung zu schauen.

Anschließend sind die Führungskräfte an der Reihe. Sie spüren die neue Richtung “von oben” und sehen bereits Schlüsselpersonen in die zukünftige Richtung arbeiten. Sie sind dafür zuständig, die von ihnen verantworteten Bereiche auszurichten. Das erfolgt durch Information, Personalentwicklung, Feedback, die Einschaltung von Coaches etc. Bereits bei der Rekrutierung neuer Mitarbeiter werden Sie auf Passung mit dem Zukunftsbild achten. Unerwünschtes Verhalten sprechen sie an, gewünschtes machen sie sichtbar und loben dafür. Dadurch schauen mehr und mehr Menschen mit ihren symbolischen Laser-Einhörnern in Richtung der Vision.

Die große Kunst ist es, dann auch noch Kunden und Lieferanten an der Vision auszurichten. Dann entsteht eine win-win-win Situation, in der externe Partner, das Unternehmen selbst und die Menschen darin profitieren. Diesen Zustand vollständiger Ausrichtung zu erreichen ist durchaus möglich und absolut erstrebenswert.

Auf der Skala von Discokugel bis ausgerichtet - wo steht Ihr Unternehmen? Teilen Sie mir Ihre Einschätzung mit.

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